Lager - Lineartechnik

Kundenspezifisch statt Standard

Kundenspezifisch statt Standard

Schaeffler steht für hochwertige Lager- und Lineartechnik in Werkzeugmaschinen – doch die Anforderungen sind vielfältiger denn je. Im Interview erklärt Christian Straub, Head of Business Development Sector Machine Tools, wie Flexibilität, Automatisierung und Digitalisierung die Produktentwicklung prägen und warum individueller Kunden-Support heute entscheidend ist. 

Ein traditionelles Einsatzgebiet für Produkte von Schaeffler sind Werkzeugmaschinen. Welche Anforderungen stellen denn Kunden aktuell an Sie als Zulieferer von Lagern. Lineartechnik, bzw. mechanischen Komponenten? 

Früher lag der Fokus vor allem auf mehr Leistung, Stabilität und Performanz – das ist auch heute noch wichtig, aber die Anforderungen sind deutlich vielseitiger geworden. Neben Globalisierung und Multi-Prozess-Bearbeitung spielt vor allem die automatisierte, autonome Fertigung eine große Rolle. Unsere Kunden erwarten heute von uns als Zulieferer vor allem Flexibilität. Wir müssen viel stärker auf die jeweiligen Anwendungsprofile eingehen. Ein Lager muss nicht immer maximale Drehzahlen können, sondern genau das leisten, was die konkrete Applikation erfordert – zum Beispiel bei Schwenkköpfen oder speziellen Bearbeitungszentren. Dazu kommt, dass wir nicht nur das High-End-Segment bedienen, sondern auch die Mitte und Basis des Marktes stärker berücksichtigen müssen. Der Wettbewerbsdruck, gerade aus Asien, ist hier enorm gewachsen. Deshalb betrachten wir nicht nur das Lager isoliert, sondern das Gesamtsystem. So stellen wir sicher, dass wir von Low-Entry-Anwendungen bis zu höchsten Genauigkeiten alles abdecken können – mit passender Paarung, Sortierung und Qualität. Das erfordert ein Umdenken: Weg von Standardlösungen, hin zu individuellen, anwendungsspezifischen Konzepten. 

Sie müssen also mehr Support leisten und noch mehr mit dem Kunden ins Gespräch kommen? 

Absolut! Wir sind nicht einfach nur Lagerhersteller nach Katalog, sondern bieten marktgerechte Lösungen, die auf die Anforderungen des Kunden abgestimmt sind – sei es Leistung, Kosten oder die Umgebungsbedingungen. Oft sehen Produkte ähnlich aus, aber im Detail müssen wir flexibel auf die jeweilige Anwendung reagieren, zum Beispiel bei unterschiedlichen Bauweisen oder Belastungen. Gerade im Bereich Automatisierung steigen die Ansprüche: Neben Standardlagern gibt es zunehmend Anforderungen an Hybridlager, Keramikkugeln oder Sonderwerkstoffe, um die Leistung zu steigern. Hier braucht es mehr Beratung, mehr Austausch mit dem Kunden, um modular passende Lösungen zu entwickeln, die exakt auf den Einsatzfall zugeschnitten sind. 

Welche aktuellen Trends in der Werkzeugmaschinenbranche beeinflussen Ihre Produktentwicklung dabei am stärksten? 

Die Werkzeugmaschinenbranche befindet sich im tiefgreifenden Wandel. Ein zentraler Trend ist die zunehmende Automatisierung: Heute wird nahezu jede zweite Maschine ab Werk mit einer Automatisierungsschnittstelle ausgestattet. Gleichzeitig sinken die Stückzahlen, während die Maschinen selbst immer komplexer, leistungsfähiger und intelligenter werden. Themen wie integrierte Sensorik, Prozessüberwachung oder Messaufgaben direkt in der Maschine spielen dabei eine große Rolle. Für uns heißt das, dass wir nicht nur einzelne Lager entwickeln, sondern das Gesamtsystem betrachten müssen. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Variantenreduzierung. Wir wollen unsere Produkte so gestalten, dass wir sie durch intelligente Baukästen flexibel anpassen können, zum Beispiel mit unterschiedlichen Dichtungen oder Kugelmaterialien. So bleiben wir lieferfähig, steigern die Effizienz in der Fertigung und nutzen Skaleneffekte besser aus. All diese Trends fließen direkt in unsere Produktentwicklung ein. 

In wirtschaftlich schwierigeren Zeiten müssen Unternehmen immer mehr auf Kostenreduzierungen in Richtung Nachhaltigkeit oder Energieeffizienz achten. Wie kann Schaeffler dem Rechnung tragen? 

Nachhaltigkeit spielt für unsere Kunden eine immer größere Rolle – viele Unternehmen müssen heute gesetzliche Vorgaben erfüllen und ihre CO₂-Bilanz offenlegen. Für uns bedeutet das, dass wir in der Produktentwicklung und Produktion noch stärker auf ressourcenschonende Lösungen achten. Ein Beispiel: Während Lager oft ein Maschinenleben lang halten, werden Spindellager häufiger gewechselt. Hier prüfen wir, ob sich Bauteile wie Keramikkugeln wiederverwenden lassen – immer unter dem Aspekt der Qualitätssicherung. Auch unsere Verpackungen sind heute recyclingfähig und frei von Schadstoffen. Darüber hinaus stellen wir unseren Kunden den CO₂-Fußabdruck jedes Produkts transparent zur Verfügung. Nachhaltigkeit ist fest in unserer Unternehmensstrategie verankert: Wir optimieren unsere Werke kontinuierlich, sparen Wasser und Energie ein und beziehen unsere Mitarbeiter aktiv mit ein. So leisten wir auch in wirtschaftlich schwierigen Zeiten unseren Beitrag zu mehr Effizienz und Umweltschutz. 

Wird in diesem Zusammenhang das Thema Retrofit wieder spannender? 

Ja, Retrofit erlebt eine Renaissance. Viele Unternehmen investieren aktuell lieber in die Modernisierung bestehender Maschinen, statt neu zu kaufen. Neben mechanischen Überholungen spielt dabei auch die Aufrüstung mit moderner Steuerungstechnik eine große Rolle. Für uns bedeutet das: Lager und Führungen kommen oft auch bei Retrofit-Projekten zum Einsatz – vor allem über den Handel und spezialisierte Servicepartner. Bei großen Lagern, z. B. in Windkraftanlagen, lohnt sich sogar eine professionelle Wiederaufarbeitung, für die wir eigene Teams haben. Insgesamt sehen wir hier ein wachsendes Potenzial, auch wenn die Ersatzteilversorgung bei älteren Maschinen manchmal herausfordernd ist. 

Die Welt wird natürlich auf der anderen Seite immer digitaler und damit auch die Werkzeugmaschine. Damit wandelt sich auch das Portfolio von Schaeffler. Was bieten Sie heute schon an? 

Die Werkzeugmaschine wird immer digitaler, und darauf ist auch unser Portfolio ausgerichtet. Heute bieten wir zum Beispiel Sensorlösungen zur Überwachung von Linearführungen oder Schmierzuständen an. Wichtig ist dabei vor allem, wie die gewonnenen Daten genutzt werden – hier unterstützen wir mit digitalen Services, die Wartung, Logistik und Konstruktion effizienter machen. Im Bereich Predictive Maintenance helfen wir, Ausfälle zu vermeiden und die Lebensdauer unserer Lager voll auszuschöpfen. Für Prozessoptimierungen liegt der Schwerpunkt meist beim Maschinenhersteller selbst. Zusätzlich bauen wir Software-Lösungen auf, die Schwingungssensorik und KI nutzen, um Qualität und Stabilität zu sichern. 

Welche Rolle spielt dabei schon die Künstliche Intelligenz für Ihr Unternehmen? Und wie weit stellt der Kunde bereits Anforderungen nach solchen  
Lösungen? 

Künstliche Intelligenz spielt bei uns vor allem in der Produktentwicklung und Datenanalyse eine Rolle. Wir nutzen KI, um Simulationen zu verbessern und Entwicklungen schneller und flexibler zu gestalten. Für den Kunden ist das Thema aber noch ganz am Anfang – die meisten Anforderungen kommen bislang eher aus der internen Optimierung oder aus Zusammenarbeit, wie mit Siemens. KI hilft auch in Bereichen wie Personalentwicklung, Marketing oder Vertriebsunterstützung, etwa bei der Auswertung von Markt- und Kundendaten. Zudem setzen wir Chatbots ein, die interne Prozesse erleichtern und bei IT-Problemen unterstützen. Ein spannendes Feld ist die dialoggeführte Steuerung: KI kann den Zugang zur Programmierung vereinfachen, sodass auch kleinere Unternehmen Robotik und Automatisierung besser nutzen können, ohne Spezialisten zu benötigen. Insgesamt sehen wir viel Potenzial, sind aber noch in einer frühen Phase der praktischen Anwendung 

Die Messe EMO steht vor der Tür. Was kann der der Besucher dort an Ihrem Messestand in Sachen Digitalisierung besonders entdecken? 

Auf der EMO zeigen wir neue technische Highlights mit Fokus auf Automatisierung und maßgeschneiderte Produkte für einfachere Anwendungen. Ein besonderes Thema ist erstmals auch der Schmierstoffbereich – wir erklären, welcher Schmierstoff wofür geeignet ist und verbinden Lager-Know-how mit dem Servicegedanken. Darüber hinaus präsentieren wir Lösungen für Spindel- und Rundtischlager. Dabei setzen wir verstärkt auf digitale Services, etwa für die Montage und Logistik, mit intelligenten Lösungen für die Lagerverpaarung, was die Lagerhaltung deutlich vereinfacht. Zudem zeigen wir Kombinationen aus Rundtischlagern, Linearführungen und Vorschubsystemen bis hin zu Rollengewindetrieben (RGT), inklusive weicheren Führungslösungen für weniger präzise Anwendungen. So bieten wir ein umfassendes Paket aus Komponenten, Produkten und Systemen – von der Werkzeugmaschine bis zur Automatisierung und Serviceintegration. 

Autor: Dipl.-Ing. (FH) Dirk Schaar, Leitender Chefredakteur GO>>ing, führte das Interview  

Bilder: Schaeffler 

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