Maschinenschutz

„Warum moderner Maschinenschutz so komplex ist“

Maschinenschutz wirkt auf den ersten Blick unscheinbar – ist in der Praxis jedoch hochkomplex. Unterschiedliche Bauraumvorgaben, hohe Geschwindigkeiten, extreme Anforderungen an Dichtigkeit und steigende Erwartungen an Nachhaltigkeit und Leichtbau stellen Hersteller vor große Herausforderungen. Im Interview erklären Anja Schütrumpf, Marketing Manager und David Ochmann, Gebietsleiter Vertrieb bei der Hema Maschinen- und Apparateschutz GmbH, warum moderner Maschinenschutz weit mehr ist als ein einfaches Bauteil und wie neue Technologien die Entwicklung verändern.

Sie gelten als Experten für Maschinenschutz. Was macht dieses Thema eigentlich so komplex?

Die Komplexität entsteht vor allem durch die sehr unterschiedlichen Anforderungen unserer Kunden. Das beginnt beim verfügbaren Bauraum – der kann von wenigen Zentimetern bis hin zu großen Anlagen reichen – und endet bei sehr spezifischen funktionalen Vorgaben. Manche Kunden erwarten beispielsweise einen extrem großen Verfahrweg bei gleichzeitig sehr geringem Zusammendruck. Das erfordert viel Erfahrung und Know-how, weil physikalische und materialtechnische Grenzen schnell erreicht sind.

Wie gehen Sie vor, um diese Anforderungen überhaupt richtig zu verstehen?

Das ist ein entscheidender Punkt. Viele Anforderungen werden erst im Gespräch konkret oder ergeben sich im Laufe des Projekts. Häufig wünschen Kunden etwa eine hundertprozentige Wasserdichtigkeit. Dabei muss man berücksichtigen, dass es sich um technische Textilien handelt. Das Material selbst kann wasserabweisend sein, aber sobald es bearbeitet wird – etwa durch Nähen oder Steppen – entstehen Öffnungen, die entsprechend abgedichtet werden müssen. Hinzu kommt ein hoher Anteil an Handarbeit. Gerade bei kleinen oder sehr kompakten Bauteilen muss das Produkt nicht nur technisch funktionieren, sondern auch überhaupt produzierbar sein.

Das klingt nach einem sensiblen Zusammenspiel vieler Faktoren.

Absolut. Materialstärke, Faltenanzahl, Stützrahmen, Versteifungen – all das beeinflusst Bauraum, Stabilität und Dichtigkeit. Wenn man beispielsweise sehr viele Falten auf engem Raum unterbringen muss, summieren sich selbst kleine Materialstärken schnell. Gleichzeitig spielen Geschwindigkeit und Beschleunigung eine große Rolle. Manche Anwendungen laufen mit sehr hohen Verfahrgeschwindigkeiten, und dann muss der Maschinenschutz dauerhaft funktionieren, ohne zu reißen oder frühzeitig zu verschleißen.

Ein weiteres Stichwort ist Leichtbau. Wie wirkt sich das auf den Maschinenschutz aus?

Leichtbau spielt nur bedingt eine Rolle. Es stimmt, dass bei den geforderten höheren Verfahrgeschwindigkeiten eine geringere bewegte Masse von Vorteil ist. Dies lässt sich nicht immer mit Anforderungen der Applikation vereinbaren. Dient die Schutzabdeckung als reiner Staubschutz, kann sie mit einem leichten Gewicht ausgelegt werden. Wird die Schutzabdeckung mit heißen Spänen beschossen, so wird die Abdeckung mit Federstahl-Lamellen zum Schutz des Gewebes ausgestattet. Dadurch fällt sie selbstverständlich schwerer aus.

Spielt Nachhaltigkeit dabei ebenfalls eine Rolle?

Ja, immer stärker. Nachhaltigkeit bedeutet für uns nicht nur Materialeinsparung, sondern auch Recyclingfähigkeit. Wenn ein Faltenbalg möglichst aus einem Material besteht, kann er am Ende seines Lebenszyklus einfacher wiederverwertet werden. Das ist jedoch technisch anspruchsvoll und erfordert eine enge Zusammenarbeit mit Materialherstellern. Nicht jede Idee lässt sich sofort umsetzen – hier stoßen wir teilweise noch an Grenzen.

Wie wirkt sich diese Komplexität auf die Kosten aus?

Für den Kunden mag ein Maschinenschutz auf den ersten Blick einfach wirken, für uns basiert er jedoch auf einem großen Erfahrungsschatz. In vielen Fällen können wir auf bestehende Lösungen zurückgreifen und diese anpassen. Es gibt aber auch Projekte, bei denen mehrere Wochen Entwicklungsarbeit notwendig sind. Bei solchen Großprojekten ist dem Kunden in der Regel bewusst, dass sich der Aufwand in den Kosten widerspiegelt.

Sehen Sie künftig auch Potenzial für Sensorik oder KI im Maschinenschutz?

Jein. Die Ansteuerung, Programmierung und Sensorik für Schutzabdeckungen liegen in Regel beim Maschinenhersteller. Denn zu 95 Prozent werden Schutzabdeckungen ohne eigenen Antrieb von den Anlagen mitgeführt; die übrigen 5 Prozent verfügen zwar über einen elektrischen Antrieb, dieser ist aber Bestandteil des jeweiligen Anlagensystems. Neue Technologien werden sicher dennoch eine wichtige Rolle im Maschinenschutz spielen, beispielsweise um dessen Zustand zu überwachen oder Wartungsintervalle besser vorherzusagen. Schutzabdeckungen können dann Teil der vorausschauenden Wartung sein, indem sie zum Beispiel nach dem Erreichen einer defizinierten Zyklenzahl automatisch auf Verschleiß geprüft werden.

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