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Herausforderung Lineartechnik

Herausforderung Lineartechnik

Wie viel Innovation steckt eigentlich noch in einer Linearachse – oder sind die technischen Grenzen erreicht?

Wir hören auf, Innovation bei Linearachsen nur über „schneller, genauer und höher belastbar“ zu definieren. Die spannendere Frage lautet: Was kann ich weglassen? Schmierstoffe, Kugeln, Gewicht oder sogar ganze Bauteile und genau dort entsteht gerade Innovation. Mit gleitenden Hochleistungskunststoffen können wir Linearführungen einfacher, leichter und wartungsfrei machen und gleichzeitig Ressourcen sparen. Nicht das technisch maximal Machbare gewinnt, sondern die intelligenteste Lösung für die Anwendung.

Welche Trends sehen Sie aktuell bei Linearachsen – und wie verändern sich die Anforderungen der Anwender?

Unsere Kunden fragen zunehmend nach schmierfreien, wartungsarmen und robusten Lösungen, und das sehen wir besonders in Zukunftsbranchen. In der Medizintechnik geht es um Hygiene und saubere Systeme, in der E-Mobilität zusätzlich um geringes Gewicht und möglichst kompakten Bauraum und in Rechenzentren um maximale Verfügbarkeit. Dort kann eine Verstellung über einen langen Zeitraum ungenutzt bleiben und muss dann im entscheidenden Moment zuverlässig funktionieren. Genau hier spielt Kunststoffgleittechnik ihre Stärken aus. Im Gegensatz zu Kugelführungen kennt sie keine klassischen Standschäden und benötigt keinen Schmierstoff, der während langer Stillstandszeiten altern, austreten oder sich ungünstig verteilen kann.

Schnelle Integration und einfache Montage werden immer wichtiger. Welche Rolle spielen dabei modulare und einbaufertige Lösungen – und wohin geht die Entwicklung?

Ich vermute, dass der klassische Komponentenverkauf in vielen Bereichen an Bedeutung verlieren wird. Der Konstrukteur möchte nicht zehn Einzelteile zusammensuchen, sondern eine fertig ausgelegte Bewegungslösung kaufen, die er möglichst direkt einbauen kann. Deshalb kombinieren wir Linearführung, Antrieb, Motor und Steuerung und machen gleichzeitig die Auslegung über digitale Tools immer einfacher. Der nächste Schritt ist für mich, dass der Kunde nur noch Last, Hub, Geschwindigkeit und Einbauraum beschreibt und sehr schnell eine passende, berechnete Lösung erhält. Komplexität gehört ins Engineering und nicht auf den Schreibtisch des Kunden.

In vielen Anwendungen stehen heute Verfügbarkeit, Wartungsaufwand und Robustheit im Fokus. Welche technologischen Entwicklungen werden Linearachsen künftig noch zuverlässiger und wartungsärmer machen?

Für mich ist die beste Wartung immer noch die, die gar nicht notwendig ist. Wenn ein Gleitlager seinen Schmierstoff bereits im Werkstoff trägt, muss niemand nachschmieren, und ich brauche weder Kugelumlauf noch komplexe Schmier- und Dichtungssysteme. Das wird besonders spannend bei Anlagen, die entweder schwer zugänglich sind oder extrem selten bewegt werden, beispielsweise die bereits angesprochenen Rechenzentren. Ergänzend können Sensorik und Zustandsüberwachung den tatsächlichen Verschleiß melden, statt Komponenten vorsorglich nach festen Intervallen auszutauschen. Weniger Mechanik plus intelligente Überwachung, darin sehe ich einen wichtigen Teil der Zukunft der Lineartechnik.

Wird es in den kommenden Jahren völlig neue Anwendungsfelder für die Linear- und Antriebstechnik geben?

Wir stehen möglicherweise vor einem neuen Zeitalter der Lineartechnik. Ein humanoider Roboter braucht nicht eine große Linearachse, sondern Dutzende kleiner Bewegungsstellen und plötzlich werden Gewicht, Geräusch, Energieverbrauch und Schmierfreiheit entscheidend.  Ähnliches passiert in der E-Mobilität: vom automatischen Laden über Batterietechnik bis zu beweglichen Funktionen im Innenraum entstehen Anwendungen, die es vor wenigen Jahren noch gar nicht gab. Hier sehe ich große Chancen für leichte, schmierfreie Kunststofftechnik und zunehmend auch individuell gefertigte oder gedruckte Komponenten. Wenn Roboter und Fahrzeuge immer beweglicher werden, wächst auch der Bedarf an Lineartechnik – sie wird nur anders aussehen als heute. Das neue Barrierefreiheitsgesetz der EU ist ein gutes Beispiel für neue Märkte. Alles muss nun höhenverstellbar sein. Das macht man mit Lineartechnik, manuell oder elektrisch!

Stefan Niermann, Prokurist und Leiter des Geschäftsbereichs Linear- und Antriebstechnik bei der igus SE & Co. KG

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