Energieketten

Technik, die Leben rettet

Technik, die Leben rettet

In Hochwasserlagen, bei Gebirgsunfällen oder Bränden muss jeder Handgriff der Rettungskräfte sitzen. Sie müssen sich vollständig auf ihr Equipment verlassen können. Die BINZ Automotive GmbH stattet daher geländegängige Krankentransportwagen mit einem Tragesystem aus, das einfach, präzise und schnell zu bedienen ist. Zentral sind dabei Bauteile, die auf den ersten Blick gar nicht zu sehen sind: Fertig konfektionierte Energiekettensysteme und die modulare Schnittstelle Module Connect von Igus stellen einen reibungslosen Transport sicher.  

 

Nach Tagen des Starkregens pflügt ein Rettungswagen durch überflutete Straßen und Felder. Bis zu 1,20 Meter hoch steht das Wasser. Für den auf dem Klein-Lkw UNIMOG U4023 von Mercedes-Benz basierenden geländegängigen Krankentransportwagen (KTWgl) der BINZ Automotive GmbH ist eine solche Wasserhöhe allerdings kein Problem, er ist speziell für den Einsatz bei Katastrophenlagen und in unwegsamem Gelände entwickelt worden. Angekommen an der Einsatzstelle gilt es, den Verletzten schnell in den Rettungswagen zu bringen und ihn auf dem Weg ins Krankenhaus gut zu versorgen. Genau das ermöglicht ein innovatives Tragesystem, das BINZ seit 2018 stetig weiterentwickelt hat. „Wir machen Technik, die Leben rettet“, sagt Christian Köllner, der das Marketing bei BINZ leitet. Das vor über 85 Jahren gegründete Unternehmen mit Sitz in Ilmenau beschäftigt dort 250 Mitarbeitende und weitere 170 am Standort im sächsischen Plauen. Pro Jahr werden 1.500 Sonderfahrzeuge umgebaut. BINZ stattet international nicht nur Rettungsfahrzeuge aus, auch Feuerwehr- und Behördenfahrzeuge sowie mobile Medizintechnik gehören zum Portfolio. Polizei, Feuerwehr, Technisches Hilfswerk und viele weitere Organisationen vertrauen auf die von BINZ in den Fahrzeugen verbaute Technik. Das vom Unternehmen entwickelte Tragesystem fährt per Knopfdruck aus dem Patientenraum in 1,20 Metern Höhe auf eine standardisierte Höhe von rund 80 Zentimetern über dem Boden aus. Dabei ist es egal, ob der KTWgl an einem Hang oder über einem Felsen steht, ein Ultraschallsensor misst die Entfernung zum Boden, sodass für die Rettungskräfte stets ergonomisches Arbeiten in Standardhöhe möglich ist. Damit Motoren, Ultraschallsensor und Co. durchgehend mit Strom versorgt werden, nutzt BINZ fertig konfektionierte Energiekettensysteme, sogenannte readychains, inklusive der innovativen Schnittstelle Module Connect, des Kölner Kunststoff-Spezialisten Igus. 

Hoher Bedarf an zuverlässigen Lösungen 

Wie wichtig zuverlässige Technik im Rettungswesen ist, zeigt ein Blick in die jüngste Vergangenheit. „An der Ahrtal-Katastrophe hat man gesehen, dass solche Fahrzeuge fehlen“, erklärt Köllner. Der bisherige Bestand – sowohl im Rettungswesen als auch im militärischen Bereich bei der Bundeswehr – ist oft viele Jahrzehnte alt. Entsprechend groß ist die Nachfrage nach modernen Fahrzeugen. Die Entwicklung des KTWgl samt Tragesystem war überhaupt erst der Grund, aus dem BINZ im April 2021 das Werk in Plauen übernommen hat. Das Herzstück der speziellen Trage ist eine sogenannte „Double-Curve-Kinematik“. Die namensgebenden beiden Kurven sorgen dabei für eine gesteigerte Präzision auch bei komplexen Bewegungen und begrenztem Bauraum. Das kam BINZ in der Entwicklung zugute: „Es geht darum, dass die Liegefläche auch während des Verfahrens immer horizontal bleibt“, erklärt Köllner. Die Technologie setzt eine zuverlässige Leitungsführung voraus, die BINZ schließlich mit motion plastics-Komponenten von Igus realisiert hat. Das ist kein Zufall: „An Igus führt bei der bewegten Energieführung kein Weg vorbei“, meint Sophie Feustel, Teamleiterin in der Produktion. BINZ stellte einige Anforderungen an die verbauten Komponenten: Je nach Einsatzbereich muss alles rund um die Trage UV-, wasser- und staubbeständig sein. Obwohl man die Energieketten auf den ersten Blick gar nicht sieht, spielen sie eine zentrale Rolle. „Im Ernstfall muss man sich darauf verlassen können, da darf dann nichts kaputt gehen“, sagt Christian Köllner. Aufgrund der hohen Ansprüche war die Entwicklung langwierig, die Energieketten haben allerdings zu einer deutlichen Verkürzung der Fertigungszeit geführt. „Mit den Komponenten ist Plug-and-play ganz einfach“, sagt Sophie Feustel aus ihrer Erfahrung mit den readycable Leitungen und den readychain Energiekettensystemen. 

Einbaufertig geliefert 

Bei readychain und readycable ist der Name Programm: Energieketten und Leitungen werden einbaufertig geliefert, eine aufwändige Konfektionierung vor Ort ist nicht mehr notwendig. Durch die Komplettsysteme sparen Anwender 75 Prozent der Montagezeit. Alle Energieketten und Leitungen sind geprüft und weisen eine hohe Lebensdauer auf. Igus ist dabei ein Vorreiter in der Branche: Auf das hauseigene Leitungssortiment gewährt das Unternehmen eine Garantiezeit von bis zu vier Jahren oder 100 Millionen Doppelhüben – einer Zahl, wie sie im Tragesystem des KTWgl nie erreicht werden dürfte. Möglich macht diese Garantie das 4.000 Quadratmeter große Testlabor am Firmensitz in Köln. Bei 700 parallel laufenden Versuchen kann der Hersteller sichere Vorhersagen über die Lebensdauer seiner Produkte treffen. Bei der readychain nutzt BINZ die im Innenradius zu öffnende Energiekette E2i.21 mit einer Innenhöhe von 21,2 Millimetern. Die Kette zeichnet sich neben ihrer langen Lebensdauer und der einfachen Befüllung durch einen besonders leisen Lauf aus. Das zeigt sich auch im Tragesystem: Die Liegefläche fährt nahezu geräuschlos auf die Arbeitshöhe hinab. Aufgrund der beengten Platzverhältnisse hat sich der Sonderfahrzeugbauer zudem für die komplett geschlossene Micro-Energiekette E2C.15 mit einer Innenhöhe von kompakten 14,9 Millimetern entschieden. Ausgestattet mit einem robusten Anschlagsystem bietet sie eine bis zu 25 Prozent größere freitragende Länge sowie um 100 Prozent höhere Zusatzlasten. 

Modulares Stecksystem für unterschiedliche Leitungen 

Ein besonderes Bauteil ist für BINZ das Steckersystem Module Connect von Igus. Die Schnittstelle erlaubt den Anschluss von Elektroleitungen, Lichtwellenleitern und Pneumatikschläuchen in einem System. Ziel von Module Connect ist es, eine Vielzahl an Leitungen auf möglichst engem Raum zu stecken. Dazu setzt das Unternehmen auf ein flaches und platzsparendes Gehäuse. Hinzu kommt die Kompatibilität. „Module Connect ist ein System, das direkt mit der Energiekette und dem Kabelmanagement abgestimmt ist“, sagt René Mönch, technischer Verkaufsberater bei Igus, der BINZ zusammen mit seinem Kollegen Sebastian Hübler betreut. Das Tragesystem profitiert von Module Connect in besonderer Weise: Wo vorher fünf Stecker waren, wird mit dem modularen System nun nur noch eine einzige und verstecksichere Schnittstelle benötigt. „Durch die Querverschiebung braucht man ein kompaktes System“, weiß auch Sophie Feustel. Das liegt unter anderem daran, dass der Motor oberhalb des Steckers entlangfährt. Wie readychain und readycable ist auch Module Connect robust, dicht und sicher und passt perfekt in die Kundenanwendung.  

Montage innerhalb weniger Stunden 

Bei BINZ ist man mit dem Einbau von readychain, readycable und Module Connect sehr zufrieden. „Vorher hat man für die Montage einen Tag gebraucht, jetzt dauert es nur noch wenige Stunden“, fasst Feustel zusammen. Zwar habe es zu Beginn auch einen Lerneffekt gegeben – „die Probleme haben wir aber alle immer schnell lösen können“, sagt die Teamleiterin. Es ist die Art der Zusammenarbeit, die auch René Mönch und Sebastian Hübler zu schätzen wissen. „Für uns ist das eine weitere sehr spannende Anwendung im Fahrzeugbereich“, erklärt Mönch. Systeme des Unternehmens finden sich in anderen Fahrzeugen unter anderen in den Schiebetüren. Der jüngst ausgestattete Krankentransportwagen geht nun ins südöstliche Mecklenburg-Vorpommern und wird dort eine zentrale Säule im Katastrophenschutz sein. Insgesamt sind für die Zukunft 140 der KTWs geplant. Sie alle werden Rettungs- und Einsatzkräfte in Deutschland und Europa bei ihrer wichtigen Arbeit unterstützen. Das Tragesystem und die Igus-Komponenten sind dann kleine Bausteine, die dazu beitragen, dass im Notfall Menschenleben gerettet werden können. 

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